Hl. Ludwig IX.
P

 

 

 

Was hat uns der Heilige Ludwig von Frankreich heute noch zu sagen?

Mit der Selig-und Heiligsprechung stellt uns die Kirche Menschen vor Augen, deren Lebensweg sie „exemplarisch“ nennt, d.h. an deren Lebensweg sich der Christ  ganz konkret orientieren kann. Wie können Du und ich sich am Lebensweg eines Königs des Mittelalters orientierten, der über ein großes und mächtiges Reich absolut herrschte? Und doch, „wir bedrängen mit Ungestüm die Heiligen und sind von ihnen bedrängt, weil sie allein und nicht die Politiker, Professoren und Journalisten imstande sind, uns wegweisende Antworten auf unsere Fragen zu geben“, sagt Prof. Walter Nigg, der große evangelische Hagiograph, der wie kaum  ein anderer uns das Leben der Heiligen so lebendig gemacht hat. „Wenn es uns um eine Verlebendigung des Christentums geht müssen wir auf eine Zurückholung der Heiligen bedacht sein. In einer gewandelten Form müssen diese gleichsam von Gott verschlungenen Menschen unter uns treten und uns jene Worte zuflüstern, die wir von keinem der Massenmedien zu hören bekommen. Die Heiligen gehören zu Kirche, sie sind ihre b e d e u t s a m s t e n  Repräsentanten“ sagt Walter Nigg.  Aber ein Großer, Reicher, Mächtiger, Herrscher über ein ganzes Reich? Ist nicht Armut, Demut, Sanftmut und Askese das, was die Heiligen auszeichnet und sie ganz christusförmig macht? Kennen wir nicht alle die schönen und tiefen Legenden von den Heiligen, die sie uns manchmal unerreichbar erscheinen lassen?  „Es geht nicht um eine glorifizierende Darstellung Ludwigs; denn alle rhetorischen Lobreden schieben eine Gestalt nur auf eine elegante Weise von sich weg.“ (Nigg)   Der Heilige Ludwig ist trotz seiner hohen Stellung der geeignete Gesprächspartner für uns, weil er als Laie mit den Problemen des Lebens so zu kämpfen hatte, wie du und ich. Er war der Sohn einer sehr frommen, aber sehr strengen Mutter, der Königin Blanca von Kastilien, die ihn lieber tot sehen wollte, als ihn eine schwere Sünde begehen zu sehen. Sie gestattete ihrem Sohn nicht, sich von ihr abzulösen, „und es ist nur aus dem Geheimnis des Heiligen zu erklären, dass die zu weit gehende Sohnesbindung nicht zu einem negativen Mutterkomplex führte“ (Nigg)  Aber trotz dieser überfrommen Erziehung gehört Ludwig nicht zu den Heiligen, die uns durch eine Fehlerfreiheit heute nicht mehr so ganz nah sind.

Ludwig hatte, wie wir es schon von dem Patriarchen Jakob aus dem Buch Genesis wissen, sehr ausgeprägte Schwächen und durchaus einen Drang zur Sünde. Er produzierte mitunter heftige Wutausbrüche. Er konnte Urteile von grausamer Härte fällen und er sprach unverantwortlich von den Juden. Kurz: er war nicht so perfekt, wie ihn seine Mutter haben wollte und wie wir uns gewöhnlich einen Heiligen vorstellen. Was macht ihn denn so anders als den gewöhnlichen  Christen? Er kämpfte mit sich selbst und gelangte so über seine Charakterschwächen hinaus und das mit Gottes Hilfe.

Wie König Ludwig so heilig wurde, zeigt uns auf wunderbare Weise das Bild, das leider ziemlich unbeachtet im Eingangsbereich unserer Ludwigskirche an der Rückseite der Orgelempore hängt und nicht nur von beachtlicher künstlerischer Qualität sondern auch von ungewöhnlicher Aussagekraft über den Weg zur Heiligkeit unseres Kirchenpatrons ist.

Betrachten wir nun einmal das Bild in seinem Aufbau.

In der unteren rechten Hälfte des Bildes kniet er heilige Ludwig. Seine rechte Hand hat er auf sein Herz gelegt. Seine Linke weist auf seine Krone und sein Königs-Szepter, die beide auf einem Kissen liegen. In der linken Hälfte des Bildes erscheint in der oberen Mitte der auferstandenen Christus mit erhobenem rechten Arm, dessen Daumen und Zeigefinger nach oben zum Himmel weisen. Seine Beine befinden sich in der Bewegung des Schreitens auf den am Boden knieenden König zu. Auf der linken Schulter hat er das Kreuz sozusagen geschultert. Mit der linken Hand umfasst er es. Oben in der Mitte des rundbogenförmigen Bildes erscheint Gott Vater von einem Engel begleitet mit erhobener rechter Hand. Der äußerste rechte Rand des Bildes ist wie die Mitte von Engeln ausgefüllt, von denen der größte mit Flügeln in der Mitte ein  Tuch in die Höhe hält. Bei genauer Betrachtung fällt etwas auf, das ohne Anleitung eigentlich nur der Kundige sieht. Vom Kreuzesstamm über die linke, dem Herrn Krone und Szepter darbietende Hand des Königs bis zu einem von einem Engel getragenen Saum des Königsmantel lässt sich eine Linie ziehen, ebenso von dem linken Engelflügel über Kopf und rechtem Arm des Königs zum Kissen am Boden mit Szepter und Krone, so dass sich ein X bildet. Das ist kein Zufall. Das X ist das griechische Chi und das Zeichen für Christos. Es findet sich auf fast allen religiösen Bildern (Bildern mit biblischen Themen) des katholischen Barock. Bei genauer Betrachtung lässt es sich bei allen qualitätsvollen Bildern dieser Epoche  nachweisen. Kommen wir nun zu „Sprache“ des Bildes. Was sagt es uns?

Der heilige Ludwig kniet vor Gott in Demut. Mit der Rechten bietet er ihm sein Herz und mit der Linken die Insignien seiner Macht. Er übergibt Gott alles, was er hat, sich selbst ganz und gar, als demütiger Christ und als König, der seine Herrschaft unter die Königsherrschaft Christi stellen will und wird. Christus naht sich ihm mit starken Schritten, das Kreuz auf der Schulter und mit der Rechten zum Himmel weisend. Der Weg zum Himmel ist steil und dornig und oft mit Leid gefüllt. Dem heiligen Ludwig wird wie auch uns das Kreuz auferlegt; denn der Weg zur Osternacht und zur Auferstehung führt über den Hügel Golgota am Karfreitag. Das bestätigt uns der Engel mit Flügeln in der Mitte, der das das Grabtuch Christi ( es kann auch das Schweißtuch des Antlitzes Christi gemeint sein) dem König entgegenhält. Aus der Lebensgeschichte des heiligen Ludwig erfahren wir, dass er vom 6. Kreuzzug aus Jerusalem einen Nagel des Kreuzes und die Dornenkrone Christi mitgebracht hat. Für diese kostbaren Reliquien ließ er in Paris die Sainte Chapelle erbauen, eines der Wunderwerke der Gotik. Ihm, dem leidenden, gekreuzigten und siegreich auferstandenem Heiland weiht Ludwig sein Herz, sein ganzes Leben und seine Königsherrschaft. Unter seinem Kreuz will er sein Leben vollbringen und sein ganzes Streben gilt der Mühe, den Willen Christi als Mann und Gatte, als Vater und als Herrscher zu erfüllen. Und so ist über der Szene unseres Bildes vom Künstler das X als Zeichen für Christus gelegt. In der Mitte über diesem Zeichen erscheint Gott Vater, die Rechte segnend erhoben. Auf ihn weist Christus, der eins ist mit dem Vater  mit seiner Rechten hin. „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“, wie wir aus dem Johannesevangelium vom Herrn selbst hören.

Was also ist die Botschaft des heiligen Ludwigs für uns in unseren Tagen? Wer sich selbst ganz und gar mit allem was er (sie) ist,  Christus und in ihm dem Vater  übergibt, und sich bemüht auf dem Weg zu bleiben, der Christus selbst ist, der wird, auch wenn er immer wieder fällt, nicht liegen bleiben und zurückbleiben, weil durch seine Übergabe an Christus und den Vater der Heilige Geist in ihm (ihr) Wohnung genommen hat und trotz aller Schwächen und Sünden uns hilft immer wieder aufzustehen und auf dem Weg Christi zu bleiben und so statt Mangel in Hülle ein Leben in Fülle zu haben. So wird man heilig!

Das ist die Botschaft dieses Bildes und des heiligen Königs Ludwig von Frankreich unseres Pfarrpatrons. Es kommt noch eines hinzu. Der heilige Ludwig ist uns ein Garant dafür, dass der Weg Christi nur mit der Kirche gelingt, denn sein ganzes Leben ist ein Zeugnis für seine uneingeschränkte Treue zur Kirche. In ihr ist er wie wir täglich Christus im Sakrament begegnet. Seinem Tod und seiner Auferstehung hat er eine der wundervollsten Kirchen des Abendlandes errichtet, die Sainte Chapelle in Paris. Wer sie betritt, erlebt ein Licht und eine geistliche Atmosphäre, die ein deutlicher Hinweis auf das himmlische Jerusalem ist. Wer sie betritt, schaut in „ein Haus voll Glorie“, die Heimstatt der Kinder Gottes.

Auch in unserer Ludwigskirche finden wir wie in unserem Bild Christus im Tabernakel und zur Anbetung auf dem Altar. Ihm können wir zur jeder Stunde wie der heilige Ludwig uns selbst ganz und gar übergeben, damit mit seiner Liebe und Kraft unser Leben gelingt und auch wir mit dem heiligen Ludwig zur Heiligkeit und zur Auferstehung gelangen.

Heiliger Ludwig bitte für uns!

 

 

Dr. Michael Schneider-Flagmeyer